VegFest Lagos/Nigeria im Oktober 2014. – Part 1 + 2 + 3




“Fine Country” for old man


VegFest Lagos/Nigeria im Oktober 2014. – Part 1

Busbahnhof

Foreigen Brothers („HEY!  HEY! Hey! Bros Bros Bros!!!!“)
Verdammt Nigeria. Nigeria hat die Seuche. Nigeria ist die Seuche. Unbeschadet dahin zu kommen ist fast unmöglich. Die Leute gucken schon bei dem Wort ziemlich fassungslos und manche leicht abfällig und an meiner Zurechnungsfähigkeit erkennbar zweifelnd. Sie werfen ihre Stirn in Falten oder ziehen die Augenbrauen so hoch, dass ich zur Beruhigung vorrauseilend hinzusetze „Nigeria“ nicht „Liberia“. „Ni“. Du verstehst, “Ni“, ein ganz anderes Land, gut 1.000ende Kilometer vom eigentlichen Ebola Herd weg. Von Lib- nach Nig-eria sind es laut Google Maps genau 2.733 Km und man braucht „without traffic 1day and 12hours“. „Without traffic“, ha ha, Google Maps hat Nerven und sich vermutlich noch nie in Lagos rumgetrieben. Die starken Zweifel der Gesprächspartner übergehe ich stets mit ein paar nervösen  schnellen Sätzen direkt in die Gesichter jener vielen Verständnislosigkeiten. Es ginge um das erste Veggie Festival Afrikas, ich wäre noch nie in Afrika gewesen (zwei kleine Ausnahmen), ich führe nicht schutzlos alleine, habe Einiges an Auslandserfahrung, sei alt genug und so weiter und so weiter. Um klar zu machen, dass man es mit den Vorurteilen auch übertrieben kann, setze ich hinzu, dass es auf mich nun doch wirklich nicht ankäme (Scherz), es gäbe auch milde Formen von Ebola (Scherz), Vegetarier würden so was eh nicht kriegen (Scherz), aber ganz ehrlich,  wenn ich mir Dich gerade so angucke, in Deiner Verfassung würde ich nicht mal nach Köln fahren (Scherz). Wen immer das alles beruhigen mag. Einfach nur um was zu sagen und keine peinlich Pause entstehen zu lassen, auch wenn es immer sehr ähnlich klingt. Nach ein paar Tagen spule ich die Sachen einfach nur noch runter.
Es geht so langsam dann doch unnachgiebig immer weiter in Richtung Abreisetermin. Wenn man mich mal auf die Schiene setzt, ziehe ich die Sachen erbarmungslos durch.  Ziemlich zäh eben. To“r“fu im beklopptesten Land der Welt in den 80ger Jahren einzuführen ist ein ähnliches Himmelfahrtskommando wie im Herbst des Jahres 2014 nach Nigeria zu reisen. Ok, 20 Ebola Tote, aber Nigeria scheint es im Vergleich zu den anderen betroffenen Ländern doch relativ gut im Griff zu haben, das jedenfalls war mein Eindruck  (der sich bestätigen sollte). 20 Tote bei 180 Millionen Menschen und seit 35 Tagen keine Neuinfektion. Alleine Salmonellen töten in Deutschland mehr als 100 Menschen pro Jahr. Afrikaner sollten nicht nach Germany reisen, zu gefährlich, neben Salmonellen haben wir multiresistente Keime, Trichinen, EHEC, den Autoverkehr in der Eifel etc. Wie dem auch sei, irgendwas ist immer, Jammern hilft wenig.
Flug gebucht, drei Afrika Sterne Hotel in Lagos gebucht, die Lufthansa wartet, Koffer gepackt, was soll ich tun? Auch mein amerikanischer Kollege (Justin P. Moore, bekannter Kochbuchautor) hat  Diskussionen zu Hause und wägt mit viel sympathischem Bedacht (er hat mit seiner Freundin ein kleines Kind), bis wir ein paar Tage vor dem Abflug gemeinsam zum tapferen Schluss kommen zu fahren. Fuck it. Wir sind zu zweit, wir können uns helfen. Wir sind Männer. Wir haben Muskeln. Wir haben Hirne. Schlussendlich war Ich selbst dann auch irgendwann dermaßen durchgeimpft, dass es langsam losgehen sollte. Was mache ich mit den ganzen Impfungen, wenn ich dann doch nicht fahre. Bonner Bioläden sind eben nicht sonderlich infektiös oder dschungelriskant. Meine ziemlich coole Tropenärztin hat noch Typus empfohlen, auch sie ist nervös. Gegen fast alle Krankheiten dieser Erde bin ich jetzt immun, Gelbfieber, alle möglichen Hepatitisse, Tetanus, nur die Tollwut hat Chancen bei mir (und gegen die Missionierungs-Tollwut unserer vejanen Sandkastendiktatoren wirkt keine bekannte Medizin). Alles in allem so insgesamt ca. 8 Impfungen plus ein Doppelpack Malaria Tabletten und meine Lieblings Cashew Ananas Riegel sowie Badehose und Schwimmbrille im 
Gepäck. Was soll da noch groß schiefgehen? 


50.000 healty kids, ein Lagos Strassenkinder Projekt und der Flyer des Lagos Veg Fest



Lagosvegfest
Das erste vegetarische Festival Afrikas findet nicht nur für uns beide unter ziemlich erschwerten Bedingungen statt. Ebola ist einfach das Weltschlimmste, „IS“ in Syrien kann irgendwie mithalten aber schon die Eurokrise, die Ukraine und die aktuellen Niederlagen der Nationalmannschaft verberblassen gegen die unbestimmte infektiöse Bedrohung, die aus der tiefsten Schwärze des  schwarzen Kontinents droht. Es gibt kaum bedächtige Presse-Stimmen (die Taz lob ich mir). Nach unserer Rückkehr hat sich das gottseidank geändert und die Weltpresse lobte Nigeria für sein  Krisenmanagement. Ursprünglich geplant war ein gemeinsames Festival der internationalen Vegetarier Union sowohl in Accra/Ghana und dann anschließend in Lagos. Und Ghana hat wegen Ebola abgesagt. Man könne sich auch selbst erwürgen kommentiert einer der Nigeria Organisatoren die Entscheidung der Ghanaer. 

Flugfreude
Die gute alte Flugfreude. Ich liebe es irgendwohin zu fliegen und komme nicht gerne zurück. Mein Fernweh ist so schlimm, dass es sich regelmäßig beim Landeanflug auf Frankfurt zurückmeldet.  Justin, der unter anderem einige Shows und ein Galadiner kochen soll und die einzige und bemerkenswerteste internationale Attraktion auf dem Festival werden wird und ich, wir beide lassen uns in die Sitze drücken und schließen die Augen. Ist schlafen im Flieger nicht das Beste was man machen kann? Die fremden Welten sind dann nicht mehr ganz so fremd und lassen sich besser händeln, auch wenn es nur wenig Schlaf ist. Wir kriegen lecker Sachen zu essen und sind umzingelt von sehr großen afrikanischen Männern, die gigantisch schnarchen und wenn sie nicht schnarchen lebhaft quasseln und sich gerne schenkelklopfend kaputt lachen.
 

Wüste und Flughafen
Ist die Sahara eine Wüste oder doch ein heimliches Gebirge? Ein paar Stunden Sandgebirge das dunkler aussieht als auf Fotos und dann kommt so langsam eine etwas andere Struktur und ein breites staubiges irgendwie ausgeflocktes Etwas in Sicht. Ein rotbraunes Häuser- und Hüttenmeer, städtebaulich ein flaches endloses Ungetüm, eine Flunder. Es klopft von unten an die Fenster und nennt sich Lagos.
Anflug
Schwüle Hitze und ein irgendwie ostblockiger großer Flughafen nimmt uns entgegen. Zwei Offizielle, ein junger Typ und eine Frau in Lufthansa Uniform haben Zettel auf denen unsere Namen stehen und sie kümmern sich und weisen den Weg bis hin zu einer mehrstufigen Kontrolle der Pässe sowie der verschiedenen anderen Papiere, unter anderem der Impfungen. Am Anfang wird erst mal Fieber gemessen. Wie von jetzt ab immer mit Infrarot Temperatur Pistolen, die auf die Stirn zielen und meist kriegen wir auch die Temperatur genannt. Es folgen ein paar robuste aber nicht unfreundliche Befragungen. Laut, direkt und sehr deutlich und bitte auch ganz genauso laut und deutlich antworten! Sonst gibt es Missverständnisse. Am Kofferband schließlich dauert und dauert und dauert es, aber dann kommt endlich Justins komplett verklebter Pappkarton mit „Profi“ Mixmaschine, im Auftrag transportiert für das Festival und dann später zum Verbleib im „ Veggie Victory“ bestimmt. Laut eigener Aussage „Nigerias first Vegetarian Restaurant“.  „Hakeem“ der Haupt Festival Organisator und stolzer Besitzer einer PR-Firma sowie auch jenes Veggie Victory spürt uns auf. Deftig geht’s weiter mit gepfefferten nigerianische Preisverhandlungen mit den Parkplatzwächtern und wir hören hier unser erstes „Hey Bros Bros Bros - who am I?“ „What Prize!!!??“.  Justin hat Afrika Erfahrungen und es stellt sich raus, dass dieser feine, zarte und intellektuelle Kochbuchautor zum Verhandlungs-Tiger werden kann und das in Westafrika existentielle laute Geschachere wunderbar beherrscht. Von ihm kann man Einiges lernen. Die Verhandlungen sind ein ewiges „Was verlangst Du für einen Preis? Wie sehe ich aus? Kann ich sowas Verrücktes zahlen? Hey Bruder, hält Du mich für bekloppt? Hey Bruder Bruder Bruder.“ Und das Ganze immer mit klarer Körpersprache unterstrichen. Winken, in großer Geste „nein“ zeigen, erst mal weggehen, sich vor Unverständnis schütteln etc. Die Verhandlungspartner auf der anderen Seite tun so, als hätten sie so etwas noch nie gehört und als würde jeder andere ihren absolut günstigen Preis fraglos akzeptieren. 

Theater in Lagos, Saxophonisten sind immer dabei

Oti
„Trane“  ist an diesem Abend schon da, man hört ihn mauerbrechend auf dem Parkplatz während die Wache das Tor aufmacht. Vor jedem größerem Haus, jedem Hotel, dem „Freedompark“ wo das Vegfest stattfinden soll und auch vor vielen Restaurants stehen Wachschutzleute, ehrlich gesagt meist bewaffnet, zum Teil sogar mit offensichtlich geladenen Uzis oder Kalaschnikows und checken die Besucher.
Ist es „After the Rain“ mit Roy Haynes am Schlagzeug und dann später erst „Impressions“ oder umgekehrt? Unfassbare durchdringende späte Coltrane Musik empfängt uns bei „Oti“; Hakeem hat uns beide mitgeschleift und die Musik macht mich fertig, weil es so unerwartet ist und ich werde total froh und bleibe den ganzen Abend glücklich in einem bequemen Sessel sitzen und entspanne meine müden Knochen. Ein Seelenbad. Einige Gäste, elegante Männer und ausnehmend hübsche Frauen kommen im Laufe des Abends bei Oti in seinem „Wohnzimmer“ vorbeigeschneit. Oti scheint die Institution überhaupt zu sein. Ihr kennt Oti nicht? Was seid ihr denn für Leser? Jeder kennt Oti!!  Da wo die Zeit stehen geblieben ist, in seinem eigenen englisch angelegten „Private Club“ sitzt auch er in einem großen Ledersessel und begrüßt und quasselt, er quasselt hier, er palavert dort kurz mit anderen Gästen, er kommt zurück und lässt kleine Scherze und Anekdoten fallen. Es gibt gepflegte Getränke, Espressos und Groundnuts (Westafrikanische Erdnussart, klein, fest und sehr aromatisch). Oti, den Gründer des Nigerianischen Jazz Festivals (genannt: „Lagos Jazz Series“) kennt jeder und er selbst kennt jeden. Marcus Miller (weltbekannter E-Bassist) habe in diesem Sessel vor zwei Wochen gesessen, Oti kennt und kannte Miles Davis, Roy Hargrove und jede Menge anderer Jazz Götter persönlich. Er hat in London, Paris, New York etc. gelebt und ist weltläufig aber vor allem laid back. Bei ihm gibt es keinen Stress. Die Gelegenheit, meine größte persönliche Jazz Fuck Up Story und meinen quasi größter Jazz Namen auszupacken. 1975 im kalten Januar habe ich als Hospitant an der Kölner Musikhochschule (Klarinetten Klasse) mit ein paar anderen Vorstudenten die Bühne der Kölner Oper geputzt und zwar für Keith Jarrett. Köln und wir konnten nicht ahnen, dass es eines der größten Klavierkonzerte auf dem Planeten werden sollte. Ich bekam von einem Professor 10 Mark und schicke damit einen meiner Studenten Kollegen Putzmittel kaufen. In der Klarinetten Klasse war ich der einzige, der als Putzfrau zu missbrauchen war und damit auch derjenige, der das natürliche Putz und Wedel Management inne hatte. Mein Kommilitone kam nach einer Stunde mit 3 Monsterpackungen Tempo Taschentücher zurück (ich sag nur „Musikstudenten“). Keith Jarrett mochte ich persönlich gar nicht und steckte mit dieser Meinung meine Mitstudenten an, ein Choleriker eben, einer, der bei dem einzigen Konzert das ich bis dato gesehen hatte die beiden ersten Zuschauer-Reihen laut anschiss weil sie Geräusche machten und sowieso keine Ahnung hatten. Er konnte Leute ohne Grund anscheißen. Wir wedelten die Bühne, die Taschentücher waren augenblicklich schwarz und wir sollten den Flügel stimmen, was wir gar nicht konnten (wer ist auf diese Idee gekommen?). Er war ziemlich verstimmt und ich fragte mich und dann einen Bühnenarbeiter warum Jarrett auf einem Stutzflügel spielen sollte und die Bühnenarbeiter gucken sich an, als bekämen sie jetzt erst so langsam mit, dass sich eine Katastrophe anbahnen könnte. Später hieß es in den Analen, es sei was verwechselt worden. (Ein Flügel? Verwechselt???? Etwa ein Steinway gegen einen verstimmten Schülerflügel??????). Wir wischten und wischten die Bühne und ich spukte kräftig auf die Tempotaschentücher und wischte Jarretts Klavierhocker supergründlich und ehrlich gesagt glaube ich im Nachhinein, dass er ohne meine Spucke die durch den Jarrettarsch bis in seine Finger wirkte, das legendäre Köln Concert so nicht hingekriegt hätte. Jarrett kam irgendwann in Persona, wir sahen ihn kaum weil seine Helfer ihn verdeckten und kriegte sofort eine cholerische Attacke, „he is mutating“ sagte einer seiner Begleiter. Die Jarrett Mutation überließen wir ihrem Schicksal, die Veranstalterin redete hektisch auf einen seiner Begleiter ein. Vermutlich wollte er nicht mehr und brauchte eine Extraeinladung. Wir drei Jungspunte hätten völlig umsonst eines der größten Klavierkonzerte anhören können das je auf dem Planten gegeben wurde. Schicksal, wir sind vorher weg. Bis heute werden Leute interviewt, die damals Zeitzeugen waren. Keith hat mit Hilfe meiner Spucke ein echtes Ding hingelegt. Scheiß Akustik, superschlecht drauf, verstimmtes Schülerklavier und grandioses Ergebnis. Das war Lagos in Köln, Westafrican Style Organisation, das ist der Teil der Story der Oti am besten gefällt und er rafft sich auf und wir machen ein High Five Nigerian Style (nach dem High Five kaputtlachen). Er ist eben großer Lagos Fan und großer Jazz Fan. Warum gibt es keine Englisch Style Jazz Private Clubs in Bonn, ich wäre jeden Abend da? Oti mach eine Filiale auf. Quatsch reden und Jazz hören.

Freiluft Drogeriemarkt




Online Infos:
http://www.youtube.com/watch?v=dW1ihCNNSJw
(Oti Bazunu Interview mit CNN Inside Africa)


“Fine Country” for old man
VegFest Lagos/Nigeria im Oktober 2014. – Part 2 


Napep's und ein Okada (Motorrad Taxi)



Part 2 hat einen stärkeren Motor. Jetzt läuft’s mit mehr Tempo, geht schneller weiter als in Part 1, wo ich mit dem ersten Tag schwer rumgetrödelt und mich verquatscht habe, sorry auch für die Keith Jarrett Angeber Quasselei.  Es kommt noch eine Woche, die ich kompakter zusammenpresse (war alles so aufregend und so schön bunt in Nigeria). Bei mir ruft die Pflicht, hab leider keine so ganz große Zeit zum Schreiben.
  
Hotel Management ist stolz auf westliche Gäste
Hotel
Ok, wie geht’s weiter? Schnell noch abends im Hotel einchecken, mit dem üblichem Fieber messen plus Hände Desinfektion, dann aufs Zimmer und was soll ich sagen, zack weg, einfach weg. Blitzartig eingenickt. Erste Male sind etwas Besonderes und diese für mich erste sehr späte Nacht in Afrika nach so viel Musik schlafe ich unvermittelt, fast schon im Stand ein.
 Michael Phelps des Hotelpools
Morgens kommt ein klein wenig Sonnenschein durch dicke orangene Vorhänge im mit ausladend dunklen Möbeln eingerichteten Zimmer. Das englisch angelegte Frühstück gibt’s unten in einem großen hellblauen Raum mit weiß gedeckten Tischen. Kumpel Justin ist schon da, der Mann hat immer Hunger und er wird bereits mit Café, Toast, Marmelade, Ananas und Wassermelone behandelt. „Famos Breakfast“ laut ganz breit und sanft lächelndem Hoteldirektor. Wenige Gäste sind da und das Personal und wir fangen Feuer auf den ersten Blick und arbeiten uns gegenseitig gut ein („we‘ll miss you“ sagt ein Zimmermädchen schon zwei Tage bevor wir abreisen, die meisten der Zimmermädchen sind übrigens männlich). Es gibt einen stark gechlorten Außenpool den wir ausgiebig nutzen, so dass ich mein morgendliches Bewegungsprogramm lückenlos durchziehen kann. Auf dem Hotelgelände, durch Schutzmauer und Wachhäuschen mit Schranke gesichert, gibt es außerdem einen kleinen Supermarkt.
Das Hotel selbst liegt in einer sehr großen „Protected Area“, die nur durch ein kilometerweit entferntes Tor mit viel Wachpersonal zu betreten ist. Jeder der passieren will wird streng überprüft. Bestimmte Fahrzeuge wie Tuc Tucs, in Lagos heißen sie „Napeps“ oder Lagos Billig Taxis mit falscher Farbe dürfen gar nicht erst rein und die Wachen lassen sich in solchen Fällen auch nicht erweichen. Die Häuser in der Area sehen aus wie zu groß geratene teilweise leicht abgehalfterte Eifel Villen und auf einer steht über der Klingel „Upper Class“. Die Kanalisation geht in die Knie sobald nur drei tropfen Regen fallen und die Straßen verwandeln sich in grüne Seen. Es gibt vereinzelt zerfallene Grundstücke und trotzdem wohnt hier „Reich und Schön“ für Lagos Verhältnisse. Echte Luxus Viertel für die wirklich unbeschreiblich Superreichen gibt es auf einer anderen der Inseln in der Lagune




Taste of Lagos.
Die Stadt hat sich einen Platz in meiner Top 10 der interessantesten (nicht unbedingt der schönsten) Städte erobert, ich Hampelmann bin 54 Jahre alt und habe die Welt immer noch nicht ganz gesehen. Lagos ist nicht nur auf den ersten Blick nicht Bergdesgaden.
Hakeem holt uns nach dem Frühstück ab und wir stürzen uns in den unerbittlichen Verkehr, sammeln schnell ein paar Leute auf, wechseln Autos (irgendwann verreckt auch mal eins), fahren hier und dort hin, lernen Tiyan, die Kochkollegin von Justin kennen sowie das Kulturzentrum (Terra Kulture), wo in ein paar Tagen ein Galadiner mit den beiden als Küchen Chefs stattfinden soll. Wir fahren zu einem Radio Sender (eine Art Eins Life von Lagos) für ein Interview um über das VegFest zu berichten. Der Moderator spricht sehr rhytmisch und es geht Hakeem darum Interesse zu wecken; als Europe Expert Dr Tofu durfte ich kurz erklären wie man Tofu macht und habe bündig westafrikanisch die wesentlichen Vorteile zusammengefasst ("You'll get rich, famos, beautiful and sexy by eating this healty product"). Anschließend geht es wieder zum Freedom Park, dem zu einem Kulturzentrum umgebauten ehemaligen Gefängnis von Lagos wo das Festival stattfinden soll und dem VeggieVictory Food Stall dort. Hakeem fährt zügig, eine Art rasen im Stau, telefoniert mit zwei Händys gleichzeitig das ganze Festival zusammen, er organisiert Strom, Stände, Presse, Fernseh- und Radio Sender verhandelt mit einer Modell Agentin (freut Euch, es gibt eine Modenshow und keine so langatmige Müsli Mode Veranstaltung wie auf der Bio Fach, ganz im Gegenteil, es wird eine Show mit doppelter Heidi Klum/Grace Jones Glamour Power werden). Wir lernen einen blutjungen Tofumacher aus Ghana (Patrick?) und eine Tofumacherin und Besitzerin eines Vegetarischen Restaurants aus Cotonou in Benin (Louise?) kennen, die mit ihre Tocher (1,5 Jahre) und der Tochter ihrer Schwester (5 Jahre) reist, Simi Lawoyin eine „Ein Frau Network Unternehmerin“, sowie Hakeems Frau (Bolla?) und noch 1.000 andere Leute mit für mich schwer zu merkenden Namen, die irgendwas mit dem Vegfest zu tun haben.

Terra Kulture Team mit Patrick (Tofumacher aus Ghana ganz links), Tiyan Chef aus Nigeria, Mitarbeiterin Terra Kulture, Justin, Besitzerin Terra Kulture, Dr. Tofu, Hakeem


Wie ist Lagos? Gute Frage, nicht nur nicht Bergdesgaden!
Es scheint erbarmungslos, chaotisch, rasend, desorganisiert, platzt aus allen Nähten, ist manchmal gefährlich, quasi wie ein großer zu stark aufgeladener Generator, bei dem man seine Schwachstellen ahnt, man hört und man sieht sie sogar, aber wann was zu platzen droht ist reine Glückssache. Lagos ist ein knallbuntes Wunder, das nur durch große Eigeninitiative der Bewohner funktioniert, eine Stadt ohne große Mittelschicht, es ist kosmopolitisch, ein  Gewimmel und Getöse das in dieser heiß laufenden Mega Power von dem grandiosen Lebenswillen der meist armen Einwohner angetrieben wird. Lagotians haben Temperament und sind kräftig und sehr körperlich. Man wird auch schon mal geboxt oder gerempelt wenn jemand was ganz Wichtiges loswerden will. Kaufen und verkaufen liegt ihnen im Blut und wenn was Blödes passiert, ok, dann ist alles halb so wild. Bei einer Gruppen Schlägerei die wir an einer Tankstelle mitkriegen, kommt als allererstes der Tankwart angelaufen und ruft während er volltankt „No Wahala“ (alles gut, kein Problem, kümmert Euch nicht drum, die beruhigen sich schon wieder, die Brasilianer würden sagen „todo bem“). Lagotians sind selbstbewusst und haben es nicht nötig komische weiße Männer zu bewundern, wir werden auch weder angebettelt noch durch Straßenverkäufer belästigt. Haben wir wirklich Lagos gesehen? Nein, im Ernst nicht. Wir haben eine Ahnung gekriegt, mehr nicht. Die Armenviertel in Lagos Mainland und jene in der südlichen Lagune wie zum Beispiel Mokoko, einer der berühmtesten schwimmenden Slums Afrikas haben wir nicht gesehen.  Der New African Shrine von Femi Kuti (einem bekannten Musik Club) ebenfalls Fehlanzeige. Eine Woche ist ein Tropfen auf den heißen Räuchertofu mehr nicht.


Online Infos:
http://lagosfreedompark.com/



Fine Country” for old man
VegFest Lagos/Nigeria im Oktober 2014. – Part  3
  

Biogemüse
First Day VegFest.
Der erste Tag ist der erste Tag (gut erkannt oder?). Gemeint ist, es geht sehr langsam los und so um die 30 weiße Fertigstände werden morgens in einem schattigen Teil des Freedom Parks aufgebaut und die Aussteller kommen im Laufe des Tages mit Ihren Waren und Dienstleistungen um die Ecke gerollt. Eine Kosmetik Firma, mehrere indische Food Stände (Justins neue Homebase), andere Food Stalls, eine Bäckerei, zwei drei örtliche Bioläden, Vitamilk (eine bekannte Sojamilchmarke (mit etwas Kuhmilch in der Rezeptur) - am ersten Tag kommt das gut gelaunte 10 köpfige Promotion Team ohne Ware und am zweiten Tag ist die Ware da aber das Promotion Team amüsiert sich anderswo, weil sie damit wohl nicht gerechnet hatten),  „Neo“ eine Art nigerianischer Starbucks (meine neue Home Base), das VeggieVictory hat auch einen Stand und die Sensation sind drei oder vier Stände von Anbauern die grandioses Gemüse und Obst in vielen Farben haben, unter anderem Chocolate Tomatoes (Tomatensorte mit braunen Flecken) und viele weitere Früchte wie kleine Platanos (Koch Bananen), Paprikas, viele Salat und Lauchsorten.
Wie sieht das aus?
Mr. Biggs Manager, Mr. Lotus und Dr. Tofu

Sie fallen so grandios auf, weil sie schneeweiß gekleidet sind und im Kontrast dazu bunte superfrische Sachen anbieten. Es taucht außerdem eine Trockenfrucht Firma auf (meine zweite neue Homebase), eine Meditationssekte (Art of Living), einige Berater zu allem möglichen Themen (Gesund werden, spezielle Diäten, spezielle Arten positiv zu Denken (wenn einer eigentlich keine Nachhilfe in positivem Denken braucht, denn Nigeria)) und sagenhafte Programme um totsicheren persönlichen Erfolg zu haben, eine Taxi App Firma, eine Wein Firma, eine Salat Bar, ein Smoothie Stand etc……….
Naturkostmetik
Unser Radio Interview hat schwer für Furore gesorgt und lockt ein paar zusätzliche Besucher an, die mit den Oiybos (Fremden) aus dem Radio sprechen wollen. Unter anderem ein Manager der wichtigsten Fast Food Kette „Mr. Bigg’s“, eine Art McDonalds in Nigeria. Er erkundigt sich bei Justin und mir genauestens was es so an gesundem Fast Food gibt und er will wissen, was denn Tofu ist und wie man Burger daraus machen kann. Es kommen auch ein paar nigerianische Private Equities („Neo“ die Cafe Bar Kette wird von einer finanziert) und weitere Geschäftsleute, die was Vegetarisches oder ein Bio Business starten möchten. Unsere Schnellwoche, quasi eine heißkalte immer währende Progression, die ohne viel Planung aber mit spontanen Wendungen und viel Tempo nach vorne rast, geht weiter. Helene F. hat ja keine Ahnung wie sich atemlos durch die Nacht anfühlt. 


Who can beat that?
Schüler des Projektes „50.000 Healty Kids“, ein bekanntes Schulkinder Projekt, werden in einem Gebäude des Freedom Parks von ihren Lehrerinnen, was gesunde Ernährung angeht, unterrichtet. Die Schulleiterin (75 Jahre alt) ist auch mitgekommen und sie selbst kommt sogar noch an den anderen Tagen, weil sie persönlich an der Veggie Bio Sache interessiert ist. Hakeem bittet Justin vor den Kindern einen Vortrag zu halten (der Mann ist eine wunderbare Allzweckwaffe) und wir folgen ihm zu der Klasse.
Die Kleineren sitzen vorne 
Sleeping Beauty
Mr. Lotus aus "wow, Philadelphia"
Justin ist schnell bereit loszulegen, geht nach vorne und stellt sich vor. Geboren in „Philadelphia“ (der Name klingt interessant und kommt verdammt gut an) Er spricht die vielen Schüler (vielleicht 40) direkt an und fordert sie auf, sich mit eigenem Namen („Your Names are beautiful“) und

ihrem Alter kurz vorzustellen. Er bemüht sich, das Ganze zu starten und bekommt es stockend ins Laufen. Die Schüler in der ersten Reihe stellen sich ganz schüchtern gewunden hin und geben sehr leise, fast weinerlich die von dem unbekannten Oiybo (weißer Mann, Fremder) geforderten Infos von sich. Ehrlich gesagt muss ich lange nachdenken, um zu sagen, wo ich jemals so beeindruckende Lehrerinnen kennengelernt habe (die sehr große Klasse mit Schülern zwischen einem Jahr (ein Mädchen mit Spitznamen "Sleeping Beauty") bis zu vielleicht vierzehn Jahren hatte insgesamt zwei Lehrerinnen). Eine von ihnen, die den Unterricht mehr tanzt und singt als frontal aufoktroyiert kommt nach vorne. Kommt kann man nicht sagen, sie walk, bei Männern würde man sagen, sie „pimp rolled“ oder „swaggered“ nach vorne, hält die Vorstellungsrunde an, indem sie deutlich den Arm zu einem Stoppschild hebt und ruft „NO,NO, NO --- You are proud!!“ „AND You heard, YOUR NAMES ARE BEAUTIFUL WATCH ME“ Sie macht es vor wie man sich gefälligst vorzustellen hat, indem sie die Hände in die Hüften stützt und ruft „MY NAME IS TEEAY(?), dann kommt ein beeindruckender quasi Disko Move vom Oberkörper bis zu den Hüften wobei sie beide Schultern einbezieht und gegeneinander in Schwingung bringt und sie ruft weiter „AND I’M 46 YEARS OLD“ -„make it with an Attitude! - So, who can beat that?“ ............
Pause. Es ist völlig klar, dass das nicht so leicht zu schlagen sein wird. Als nächstes ist ein vielleicht 13 jähriges Mädchen dran, und sie nimmt wie geheißen die Hände in die Hüften, sagt Ihren Namen und deutet dann graziös ausgeführt den gleichen Move wie die Lehrerin an. Schon zart in der Pubertät dürfte das mit der Attitude für sie im normalen Leben gar kein Problem sein, wenn nicht ganz so viele Erwachsene und Kameras zuschauen. Sie setzt sich und bekommt einen Szenenapplaus. Ab da macht es jeder und auch die Allerkleinsten geben ihr Bestes und bringen die Hände in die Hüften. Als Schüler bei diesen Lehrerinnen ist man besser nicht schüchtern und kleinlaut, sondern auf eine gute Art und Weise würdig, stolz und deutlich. Es gibt keine Ausreden.
Justin und noch ein weiterer junger männlicher Lehrer erklären gesunde Ernährung und Obst und Gemüsesorten und zum Schluss kommt meine Lieblingslehrerin und es gibt einen laut geschmetterten Canon, der in 4 Gruppen gesungen wird (Watermelon, Banana, Papaja, Pineapple (die Papaja‘s werden zu Ordnung gerufen weil sie alle anderen übertönen) und zum Schluss singen alle aus vollem Hals „Fruitsalad – Fruitsalad" 



Schüler stellen sich vor.................. Die Dame in Grün ist die 75 järige Schulleiterin


Part 4 folgt

Online Infos:
http://www.mrbiggsonline.com
http://www.mycafeneo.com/

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Kommentare:

Blumenmond hat gesagt…

Vielen Dank! Ich freue mich schon sehr auf Part 2 und die Geschichte um Keith Jarret ist köstlich.

Le grand Tofu hat gesagt…

Geb mir Mühe, mindestens ne Woche wirds aber dauern. Danke für den Kommentat.